Im Archiv -- keine Kellerware
Lebensfrage?
Als Kind bekam ich oft zu hören „Lass mich mal ausreden!“ Oder vom Opa auch „Unterbreche mich nicht dauernd!“ Später habe ich gelernt, dass es „Unterbrich“ heißt. Aber öfter juckt mich jetzt die Zunge und ich unterbrech auch mal, wenn es allzu bunt wird.
Kann man das rechtfertigen?
Ja und nein. Oder besser nein und ja.
In menschlicher Kommunikation ist irgendwie geregelt, wer drankommt. Oder wer einfach reingeht. Also dafür keine formulierte Regel, sondern eher selbstverständlich und subkutan.
Und die Forderung, nicht zu unterbrechen: „Unterbrich mich nicht, wenn ich rede!“ ist natürlich nicht von dieser Art. Dahinter steckt offenbar die Idee, dass wer gerade spricht, das Recht habe zu bestimmen. Aber wieso eigentlich? Es kann ja auch einer Stuss verzapfen.
Es ist eher eine überzogene Erziehungsnorm für Kinder oder was für Knigge, wenngleich es da nicht vorkommt. Vielleicht eine Art von Notwehr.
Wir könnten natürlich noch ausführlich reflektieren: Was sagt denn die unterbrochene Person im Detail? Schimpft sie? Tratscht sie? Hetzt sie? Oder erzählt sie nur langweiliges Zeug? Oder aber es ist sehr wichtig und die unterbrechende versteht nicht ganz?
Also auch: Wie und wann wird unterbrochen? „Es langt jetzt!“ Oder „Ich bräuchte das etwas genauer.“ Sie sehen, aufs Detail kommt’s an. Eben wie so oft im Leben.
In natura gelingt es Leuten, sogar gleichzeitig zu sprechen. So südamerikanische Fugalsprecherinnen, die über längere Zeit gleichzeitig reden können, sich verstehen, gar aufeinander eingehen können.
Da sieht man, wie gut die sich verstehen. Es geht nicht drum, wer hier irgendein Recht hat. Hochgestochen könnte man sagen: Gelungenes und vom Partner akzeptiertes Unterbrechen ist ein Kriterium für ein gutes Verstehen und ein Indiz für gelungene kommunikative Kooperation. Führt sozusagen selbst zu einem gemeinsam geschaffenen Produkt.
Unterbrechungen werden natürlich überall gedeutet. Und es gibt kulturelle Standards dafür, was als Unterbrechung zählt und wie Unterbrechungen zu verstehen sind.
Sorry, das klingt ein bisschen belehrend. Auf jeden Fall kann man mit Unterbrechen Teilnahme und Interesse bekunden. Solange man es nicht übertreibt – und endlos weiterschwatzt.