Drei der Woche
Lebensfrage?
Einst – ja es ist schon eine Weile her – einst war ich eine engagierter und erfolgreicher Zehnkämpfer. Nicht deutschlandweit, aber doch regional, eben auf Landesebene. Das ging bis in die Einzelwettbewerbe. Meine Stärke etwa Langlauf. Bei manchen Siegen gab es Urkunden und gar Pokale. Nicht besonders kunstvoll, eher Standardware. Die Urkunden habe ich größtenteils nicht aufbewahrt, aber um die Pokale wäre es doch etwas schade gewesen. Sie hatten immer hohen Erinnerungswert. Viele standen und stehen bei mir im Eckzimmer. Einige sind schon in den Keller gewandert. Bei Besuchen kommen wir gemeinsam öfter drauf zu sprechen. Auch schön. Aber jetzt tut die Erinnerung auch weh. Wenn du selbst keine Zukunft hast.Meine Frage: Soll ich die Pokale entsorgen? Oder was soll ich tun?
Wegwerfen? Wäre radikal.
Mir scheint, Ihre Pokale sind nicht metallisierte, gar goldene Trophäen. Sie sind kleine Kapitel eines Lebens, stehen symbolisch für Leidenschaft und Disziplin.
Weitergeben? Ob das hülfe. Wer immer sie bekommt, wer immer sie übernimmt, für die haben haben sie eher keine tiefe Bedeutung, Ihre Bedeutung schon gar nicht.
Ihre Erinnerung kann niemand übernehmen, kann Ihnen niemand abnehmen.
Dass Ihre Erinnerung jetzt wehtut, verstehe ich – denn sie erinnert nicht nur an Siege, sondern auch an eine Zeit, in der Sie noch eine Zukunft sahen.
Die Pokale sind nicht schuld an Ihrem Schmerz.
Also Selektion?
Vielleicht nur die zwei oder drei, die wirklich etwas bedeuten. Der Rest kann in eine Kiste, in den Keller oder zu jemandem, der sie für dich aufbewahrt.
Und zum Abschied jedem einen Brief schreiben?
Das löst die Grundfrage nicht. Sie ist viel allgemeiner. Und vor allem die Grundfrage: Wie viel Zeit soll ich jetzt mit der Erinnerung verbringen? Schon die Stoiker meinten: Vergiss es einfach! Ja, wenn das so einfach ginge.
Doch etwas grundsätzlicher. Wir alle leben in Erinnerung. Unsere Gegenwart besteht in Erinnerung. Unsere Person ist geprägt durch Erinnerung. Gar sozial sind wir nur Erinnerungen anderer. Da müssen wir aktiv nichts tun. Die Erinnerungen sind einfach da. Subkutan. Und wir erleben sie gar nicht als Erinnerung.
Die Grundfrage löst sich von selbst.